Ist Coworking tot?

Co-Working ist tot – Friendsfactory by etventure definiert den Community Workspace und wird zum Accelerator unter den Bürovermietern

Diese markige Überschrift las ich neulich auf Facebook auf dem Profil eines Freundes. In der dazugehörigen Pressemeldung wird Co-Working (sic!) totgesagt und ein neues Modell der Bürovermietung angepriesen.*

Was? Coworking ist tot? Dass ich das ganz anders sehe ist ja wohl klar!

In gar nicht allzu langer Zeit werden wir den 11. Geburtstag der Coworking-Bewegung feiern. Am International Coworking Day erinnern wir uns daran, dass am 9. August erstmalig der Begriff für diese Art des Zusammenarbeitens geprägt wurde.

Damals, am 9. August 2005, gründete Brad Neuberg die erste Coworking-Einrichtung in San Francisco – genannt „Spiral Muse“. Seine Motivation beschrieb er so:

Traditionally, society forces us to choose between working at home for ourselves or working at an office for a company. If we work at a traditional 9 to 5 company job, we get community and structure, but lose freedom and the ability to control our own lives. If we work for ourselves at home, we gain independence but suffer loneliness and bad habits from not being surrounded by a work community.

Also schuf er einen Ort, an dem individuelle, freie und unabhängige Wissens-Arbeiter zusammenkommen konnten und in Gemeinschaft arbeiten, sich vernetzen und voneinander profitieren konnten. Daraus ging die weltweite Coworking Bewegung hervor und darum wird der 9. August als ein weltweiter Feiertag für Coworker, für Coworking Spaces und ihre Nutzer sowie die Coworking Space Betreiber begangen.

Und die Bewegung, die seitdem in Gang gekommen ist, ist noch nicht mal an ihrem Höhepunkt angekommen. Ständig eröffnen neue Coworking Spaces und Standorte und immer mehr Nutzer schließen sich den Gemeinschaften an, weil sie diese Art der Zusammenarbeit als gewinnbringend und identitätsstiftend erkennen.

Für wen ist Coworking? Wofür steht Coworking?

Im Coworking Space arbeiten Selbstständige, Freiberufler, Kreative, Wissensarbeiter und Unternehmensgründer unabhängig voneinander zusammen. Auf Tages-, Wochen- oder Monatsbasis wird dir dein Arbeitsplatz und die Infrastruktur zur Verfügung gestellt. Das Konzept geht aber über die Vermietung von Arbeitsplätzen hinaus. Beim Coworking geht es um zwischenmenschlichen Austausch, um Gemeinschaften, die Werte und auch Güter teilen, um Offenheit, Kollaboration, Gründer- und Startup-Kultur. Coworking Communities stehen für neue Modelle und Erwartungen geschäftlicher und gesellschaftlicher Gemeinschaft. Ihre Einflüsse reichen oft weit über die Grenzen des eigentlichen Coworking Space hinaus und erreichen Stadtteile, verschiedenste Gesellschaftsschichten und Zielgruppen. Weltweit betrachten öffentliche Institutionen als auch Unternehmen Coworking als Inspirationsquelle für neue Modelle von Arbeit und Kollaboration.

Das ist sicher eine sehr idealistische Sichtweise, nach der viele Coworking Spaces und Gemeinschaften handeln. Mit der zunehmenden Popularität von Coworking sprangen dann auch die Trittbrettfahrer auf. Kommerzielle (alte und neue) Anbieter (von Büroraum), z.B. klassische Businesscenter, nutzen den Begriff und gaukeln etwas vor, was sie oft nicht wirklich bieten können. „Die jetzt auf den Markt sich etablierenden Coworking-Ketten spielen nur Coworking, sie benutzen es als reines Marketinginstrument, um unter dessen Deckmantel teure Büroeinheiten zu verkaufen und den Mietern einen Distinktionsgewinn zu vermitteln.“ (Ansgar Oberholz, Berliner Zeitung 9.5.2016)

Coworking und die Startups

Die eingangs erwähnte PM setzt fort, dass Coworking Spaces ja gar nicht der richtige Ort für Startups wären, denn es gäbe kein kuratiertes Mentoring und zielgerichtete Unterstützung. Außerdem wäre die (i.d.R.) Großraumumgebung ungeeignet, z.B. aus Gründen der Vertraulichkeit.

Wann fing es eigentlich an, dass Coworking mehr oder weniger ausschließlich mit Startup-Kultur gleichgesetzt wird? Ich bin die vielen E-Mails, Werbebriefe, Flyer, Plakate und Einladungen zu irgendwelchen Wettbewerben, die wir doch bitte an unsere Startups weiterleiten sollen, schon ziemlich leid. Industrieunternehmen melden sich, weil sie sich die Startups in unserem Space ankucken wollen, so als wäre das ein Streichelzoo. Aber ich sehe Startup-Unternehmen gar nicht als die primäre Zielgruppe für Coworking Spaces.

Startups haben oft kein Geschäftsmodell, sie suchen noch danach, probieren aus, verwerfen und erfinden sich wieder neu. Da sie (sofern sie keine geeignete Finanzierung gefunden haben) oft knapp bei Kasse sind, mieten sie sich in Coworking Spaces ein, weil das vermeintlich günstig und flexibel ist. Coworking Spaces sind ja eigentlich auch der ideale Arbeitsort für sie, denn sie finden jede Menge Leute, mit denen sie sich austauschen können, die sie auf neue Ideen bringen und ihnen Tipps geben können. Es ist allemal besser, als im stillen Kämmerlein vor sich hin zu arbeiten und etwas zu entwickeln, was dann niemand braucht. Und wenn der Austausch im Coworking Space dann doch nicht ausreicht, gibt es anderswo Unterstützungsprogramme von Acceleratoren, wo sie (die Startups) strukturierte Programme durchlaufen können, um ihr Geschäftsmodell zu entwickeln und anschließend möglichst auf eigenen Beinen stehen zu können.

Aber: Coworking Spaces sind nicht ausschließlich für Startups und Gründer da. Mir sind die Menschen viel lieber, die professionell arbeiten, die sich in ihrer Tätigkeit spezialisiert und etabliert haben und die im Coworking Space die Gemeinschaft zur Zusammenarbeit und zum Austausch suchen und finden.

Warum nun Coworking deshalb tot sein soll, erschließt sich mir ganz und gar nicht.

Szene

Nach eigenen Angaben bietet die Friendsfactory „seit mehr als 10 Jahren an verschiedenen Standorten eine inspirierende Arbeitsatmosphäre und ein kreatives Netzwerk“. Was sie anbieten weist große Ähnlichkeiten zu Coworking Spaces auf. Jedoch habe ich sie noch nie in der vernetzten Coworking Szene Deutschlands wahrgenommen. Warum waren sie bei noch keiner Coworking Konferenz oder einem Treffen von Space-Betreibern? Warum sind sie nicht Mitglied im Verband der German Coworking Federation?

Dass sie sich jetzt hinstellen und behaupten, Coworking sei tot, obwohl sie sich ganz offensichtlich mit der Szene gar nicht auseinandersetzen, ist schlichtweg dreist.

Letztendlich bleibt die Erkenntnis, dass das was sie machen wollen, ähnlich wie Wework ist – eine neue Form von Immobilienwirtschaft.

Für uns aber ist Coworking noch lange nicht tot. Wir vernetzen weiter Menschen, schaffen eine Community, setzen uns lokal ein, unterstützen Einzel- und Kleinunternehmer, aber nicht nur die.

Und übrigens: Coworking schreibt man ohne Bindestrich.

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* Leider übernehmen auch verschiedene Medien diese Meldung nahezu im kompletten Wortlaut und völlig undifferenziert. Qualitätsjournalismus…

6 Kommentare

  1. Arbeiten Startups nicht professionell?
    „Mir sind die Menschen viel lieber, die professionell arbeiten“
    Diesen markigen Satz las ich neulich auf Facebook im Artikel auf dem Profil eines Freundes. In der dazugehörigen Pressemeldung werden Startups ins lächerliche gezogen und etablierte „professionelle“ Firmen angepriesen.

  2. Das ist vielleicht etwas falsch rüber gekommen. Was ich meine ist, dass Startups oft noch ohne Geschäftsmodell arbeiten. Dagegen stehen viele Nutzer im Coworking Space, die schon lange in ihren Geschäftsfeldern unterwegs und etabliert sind. Und damit meine ich wiederum nicht „professionelle Firmen“, sondern Freelancer und Freiberufler.
    Zweitens ist mein Artikel keine Pressemeldung, sondern ein persönlicher Beitrag.

  3. In Antwort auf den Antwortartikel schreibt ein müder Christopher eine etwas zu lange Antwort:

    —–

    Ihr wollt also Business Center machen? Dann nennt es doch auch so.

    Auch klassische Coworking-Spaces bewegen sich in Richtung Corporates (wurde auf der Coworking-Konferenz in mehreren Sessions viel drüber geredet), aber da liegt sich er nicht unser Hauptfokus. Eure Bedarfsgruppe sucht kein Coworking, richtig. Dafür gibt es Business Center.
    Ihr erfindet hier neue Begrifflichkeiten um darüber hinweg zu täuschen, dass Ihr Business Center macht und meint. (Vll. meint Ihr auch Accelarators oder ähnliches, vll. nehmt Ihr aber auch nur möglichst viele HYPE-Themen auf…).

    Und damit erklärt sich dann auch eure (absichtlich?) herablassende Aussage. Ihr redet mit anderen Zielgruppen über andere Themen und verwendet dann HYPE-Begriffe um für Aufmerksamkeit zu sorgen.

    Zu eurer Umfrage, die Ihr behauptet, durchgeführt zu haben, gibts da irgendwo Ergebnisse und welche Profile Ihr gefragt habt (und wie die Fragen formuliert waren)?
    Ich hatte einige, die von vornherein eurer Erwartung entsprachen, die es dann aber doch ausprobiert haben. So eine Erfahrung kann Menschen ändern. Zum Beispiel zu begeisterten Coworkern machen, die inzwischen gelassener und erfolgreicher mit Ihrem Unternehmen sind. Ohne die Erfahrungen dahinter bringen eure Antworten halt nichts. Aber das wisst Ihr sicher (passt halt nicht ins Marketing).

    Die meisten wollen einen Arbeitsplatz zum effektiv sein und wohl fühlen. Das Mentoring ergibt sich untereinander, ebenso wie die Unterstützung. Was Ihr beschreibt, habe ich auch schon scheitern sehen: Ich gehe an keinen Arbeitsplatz, an dem ich was zahle und mir dann versucht wird, noch was (Mentoring) zu verkaufen, was ich gar nicht brauche. Und da hört auch der Coworking Begriff auf. Ihr macht nämlich was anderes. Accelerator oder Business Center, vll. versucht Ihr das sogar zu mischen. Hat trotzdem nichts mit Coworking zu tun.

    Ihr seid damit nicht die ersten. Sicher auch nicht die letzten. Ich wünsche euch Erfolg und bitte euch, ab sofort die zu euch passenden Begriffe zu verwenden. Nicht die HYPE-Begriffe, um euch das Marketing gefühlt einfacher zu machen. Danke.
    —–

  4. Pingback: Was ist Co-Working? Und wenn ja, wie viele?

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